Erklärungsmodelle für psychotische Störungen . . .

Neben den auf Seite " Ursachen" beschriebenen Auslösern für Psychotische Störungen gibt es für psychotische Störungen, die sich vor dem Hintergrund einer Schizophrenie entwickeln, psychologisch orientierte Erklärungsmodelle. Die gängigsten Thesen wollen wir hier in aller Kürze vorstellen:

1. Entwicklungs- und Kompetenzdefizite (Ich - Schwäche)

Der Begriff "Ich - Stärke" ist ein sehr weit gefaßter Begriff, der verschiedene Ich - Funktionen umfaßt: Durchsetzungsfähigkeit, Standfestigkeit, Autonomie, Fähigkeit, sich selber mit allen Anteilen als eine Person zu sehen, Anforderungen an die Umwelt stellen können, sicherer Umgang mit Niederlagen, Kränkungen etc., stabile Nähe - Distanzregulierung sowie Fähigkeit zur Abgrenzung. Jugendliche, die z.B. aufgrund einer schwierigen familiären Situation oder aber auch durch Mißbrauch/ Gewalterfahrungen keine stabilen Ich - Grenzen aufbauen können bzw. Störungen in den Ich - Funktionen entwickelten, erkranken deutlich häufiger an einer psychotischen Störung bzw. können im Rahmen von belastenden Situationen rasch in eine psychotische Krise geraten. So wird die im Rahmen einer psychotischen Störung gelegentlich auftretende Identifikation mit Jesus oder einer anderen starken Person in der Psychoanalyse als Versuch interpretiert, sich der eigenen Schwäche und Unfähigkeit zur Übernahme von Verantwortung zu entziehen und durch Übernahme dieser besonderen Personen unangreifbar zu werden. Abschließend sei die These erwähnt, daß sich durch eine psychotische Störung das Ich von Bewußtseinsinhalten trennt, die nicht ausreichend stabil in die eigene Persönlichkeit integriert werden können. Gedanken etc. werden dann von den Betroffenen als fremd und von Außen eingegeben erlebt.

2. Kommunikationsstörungen/ Double - Bind - Hypothese

Die Double - Bind - Hypothese beschreibt im Kern einen Widerspruch zwischen verbalen Mitteilungen und den Bedingungen, unter denen diese stattfindet. Man spricht auch von einer paradoxen Kommunikation. Diese sei an einem einfachen Beispiel verdeutlicht: Eine Mutter, die sehr wütend ist und dieses auch deutlich an ihrem Gesichtsausdruck erkennen läßt, sagt ihrem Kind, daß sie es mag. Das Kind erlebt auf der verbalen Ebene Zuneigung der Mutter, auf der emotionale Ebene jedoch eine massive Ablehnung. Eine für das Kind sichere Bewertung und Reaktion auf dieses Verhalten ist nicht möglich. Die Begründer dieser Theorie, u.a. Herr Watzlawik und Herr Bateson, beschrieben vier Grundvoraussetzungen, unter denen eine paradoxe Kommunikation auftretren kann: Erstens müssen mindestens zwei Personen eine intensive Beziehung zueinander haben, die für mindestens einen der Beziehungspartner physisch und/oder psychisch sehr wichtig ist. Dieses wäre die typische Eltern - Kind - Beziehung. Zweitens muß gegenüber einer der beteiligten Personen, dem «Opfer», eine Mitteilung gemacht werden, die zumeist zu einer Handlung oder einem Verhalten auffordert, verbunden mit einer Strafandrohung. Drittens muß eine zweite Mitteilung an das Opfer zu der ersten in unauflösbarem Widerspruch stehen und ebenfalls durch physisch oder psychisch äußerst bedrohliche Strafen durchgesetzt werden. Diese Mitteilung erfolgt auf einer abstrakteren Ebene, zumeist averbal (durch Stimmlage, Mimik, Gestik usw.), gelegentlich auch verbal («Denk nicht immer an das, was dir verboten ist!»). Viertens muß das Opfer nicht die Möglichkeit (auf Grund der engen Beziehung und der angedrohten Strafe)haben, sich den widersprüchlichen Handlungsaufforderungen zu widersetzen: Es kann sich weder aus der Beziehung zurückziehen und das Feld räumen, noch kann es die beiden Aufforderungen kritisieren und den bestehenden Widerspruch thematisieren. In der kommunikationstheoretisch orientierten Schizophrenieforschung hat man daher die Hypothese aufgestellt, daß lang andauernde Kommunikationserfahrungen nach dem Muster des Double-Bind beim «Opfer» zu Kommunikationsstrukturen führen, die den klinischen Kriterien der Schizophrenie sehr ähnlich sind: Der Betroffene verliert in zunehmendem Maße und schließlich, beim Ausbruch in die Psychose, vollständig die Möglichkeit, die gesellschaftlich verbindlichen Kommunikationsformen in sinnvollen Zusammenhängen zu erfahren und zu verwenden. Diese These ist zwar relativ verbreitet und beschreibt auch die gut die Störungen in der Kommukation und Interaktion der Betroffenen, liefert aber dennoch keine schlüssige Erklärung für die Entstehung schizophrener psychotischer Störung. Letztlich kam man zu dem Schluß, daß neben den gestörten Kommunikatiosstrukturen weitere Umweltbedingungen und genetische Variablen für die Entstehung schizophrener psychotischer Störunngen verantwortlich sind.

3. Expressed Emotions

Dieser Begriff beschreibt einfach gesagt, wie der emotionale Umgang innerhalb von Beziehungen abläuft. Auf der einen Seite gibt es die sogenannten High - Expressed - Emotions. Dieses bedeutet, daß innerhalb der Beziehung sehr viele und generalisierte Kritik geäußert wird, der Betroffene wird als allein "schuldig" für seine Probleme angesehen, es finden innerhalb der Beziehung häufig "Machtkämpfe" um die Kontrolle über den jeweilig anderen statt und die Selbstbehauptung innerhalb der Beziehung erfolgt daher oft aggressiv. Weiterhin werden Wünsche, Bitten u.ä. oft als Befehl geäußert. Die Beziehung selber kann als starr, rigide und konfliktbetont beschrieben werden. Auf der anderen Seite gibt es die sogenannten Low - Expressed - Emotions. Hier wird weniger, dafür präzisere Kritik geäußert, innerhalb der Beziehung können Grenze gesetzt und akzeptiert werden. Die Selbstbehauptung der Beziehungspartner gestaltet sich flexibel mit unterschiedlichen Methoden. Innerhalb der Beziehung werden Konflikte thematisiert und konstruktiv gelöst. Jugendliche, die an einer schizophrenen psychotischen Störung erkranken, kommen häufig aus Familien, die ein "High - Expressed - Emotions" - Muster aufweisen. Letztlich werden auch die "High - Expressed - Emotions" zu den umweltbedingten Faktoren innerhalb des Vulnerabilität - Streß - Modell gezählt

4. Erhöhte Vulnerabilität (Vulnerabilitäts - Streß - Modell)

Das Konzept der erhöhten Vulnerabilität beschreibt eine genetisch oder durch Erkrankungen, Unfälle etc. erhöhte Erkrankungswahrscheinlichkeit, die aber zunächst nur ein erhöhtes Risiko für die Ausbildung einer psychotischen Störung ohne eine tatsächliche Erkrankung bedeutet. Das Vulnerabilitäts - Streß - Modell besagt nun, daß bei entsprechend vorbelasteten Personen durch das Auftreten zusätzlicher Faktoren, die für jeden Betroffenen unterschiedlich sind, die Erkrankung auftritt. Dieses Modell wird zur Zeit in der Psychiatrie am häufigsten zur Erklärung Schizophrenie - bedingter psychotischer Störungen verwendet.

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